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Wer klug ist, steigt zuletzt ein

Entspannter fliegen ohne Speedy Boarding. Wahrer Reiseluxus heißt, letzter zu sein. Der gute alte Jesus und ein bekannter sozialistischer Politiker machen es vor.

Eine Flugreise mit umfangreichen Sicherheitsritualen kann anstrengen. Zweifelhafte Versprechen und individuelle Irrtümer über Komfort setzen noch eins drauf. Ein Extrem falschen Reisens habe ich einmal am Flughafen in Brüssel beobachtet. Die Maschine nach Berlin hatte Verspätung. Aus einer ersten halben Stunde, wurde eine weitere und so fort. Bald waren es drei Stunden. Davon unbeeindruckt bildete sich vor dem Terminal eine hartnäckige Schlange, in der jede und jeder mit ausgefahrenen Ellenbogen seinen Rang verteidigte. Darunter eine Schwangere. Mit fortschreitender Zeit wurden die dort eingezwängt Wartenden aggressiver. Dabei besaßen alle fest gebuchte Sitzplätze. Außerhalb der Schlange gab es ausreichend Raum mit Sitzgelegenheiten. Objektiv gab es also keinen Grund, sich diese Tortur aufzuerlegen. Dass man als Spätzusteiger sein Handgepäck nicht unmittelbar in Sitzplatznähe unterbringen kann, ist eher eine wohl gepflegte panische Idee im Kopf, als eine echte Katastrophe, wenn man es einmal selbst erlebt.

Unwillkürlich dachte ich an weiteren Unsinn auf Flugreisen. Mal selbstverschuldet, mal von Fluggesellschaften als besonderer Vorteil verkauft. Fangen wir mit letzterem an: Man kann viel Geld damit verdienen, trennt man zwei gleiche Menschen, indem man das Portemonnaie des einen etwas mehr rupft. Dazu muss man ihm versprechen, er werde in seiner Position aufsteigen. Das ist natürlich künstlich. Aber nicht wenige lassen sich darauf ein und werden zu Rabattsammlern, die sich mit anderen nach ihrer Cleverness vergleichen. Alles in der Hoffnung, von einem privaten Unternehmen irgendwann in der Zukunft zum Senator ernannt zu werden. In der Welt besitzt der Titel nicht den geringsten Wert. Von außen betrachtet bleiben sie Menschen wie du und ich. Trotzdem tappen sie in die Falle. Wie sehr die Einbildung zu Kopf steigt, lässt sich amüsant an Ton und Inhalt so genannter Vielfliegerforen nachlesen.

Das ist natürlich etwas überspitzt. Ein paar Menschen müssen beruflich fliegen. Und ich verschwieg den Reisekomfort, den man gegen Aufpreis erhält. Für einen Mensch mit langen Beinen fordert allein die Gesundheit etwas Beinfreiheit. Womit wir gleich zum nächsten Unsinn kommen, der auch außerhalb der Businessklasse stattfindet. Buche ich einen Sitzplatz, der meiner Körpergröße entspricht, verspricht man mir automatisch ein schnelleres Boarding. Das oben beschriebene Prinzip der Trennung, um mehr zu kassieren, funktioniert sogar unter Billigreisenden: Mit einer albernen Kordel werde ich von den Mitreisenden getrennt. Dann steige ich als erster in den Bus, der zum Flugzeug führt. Alle anderen hinterher. Deshalb steigen sie auch als erste aus und sind zuerst in der Maschine. Das hat also nicht ganz geklappt. Gelange ich über den Terminal einmal als erster in die vordere Sitzreihe (Gang) des Flugzeugs, muss ich mich klein machen, damit die anderen nicht über meine Beine stolpern. Und zwar so lange, bis der letzte Passagier an Bord ist. Auch in dieser Variante ist es kein Vorteil, erster zu sein.

Nun noch ein selbstverschuldeter Reiseunsinn: Völlig unbegreiflich ist das katapulthafte nach oben schießen vieler Fluggäste, sobald die Maschine nach dem Landeanflug die Erde berührt. Einige reißen panisch an den Gepäckklappen. Nicht selten trifft die Kante eines Rollkoffers die Stirn eines noch sitzenden Mitpassagiers. Und dann? Dann beginnt das große Warten! Bis zu einer halben Stunde stehen sie bewaffnet mit ihrem Handgepäck, verkrampft in einer ungünstigen Haltung – und warten darauf, einmal mehr als erster die Maschine zu verlassen. Sieger sehen anders aus.

Für die Vielflieger habe ich an dieser Stelle nichts anzubieten. Ich hoffe, etwaige Titel werden mit ausreichend Selbstironie gewürdigt. Was das Erster sein wollen angeht, liegt die Sache auf der Hand. Die Lösung aus dem Dilemma entstammt der Bibel. Abgeschaut habe ich sie mir damals in Brüssel aber von einem sozialistischen Vielflieger. Im Matthäus-Evangelium sagt Jesus: „Viele Erste werden Letzte sein und Letzte Erste“. Wie schon auf meinem Hinflug nach Brüssel, wartete der Linken-Politiker Gregor Gysi mit zwei Begleitern jetzt auf die Maschine zurück nach Berlin. Während die künstliche Schlange auf jede neue Verspätungsnachricht wie auf eine Katastrophe reagierte, stöhnend und schäumend, besprach sich der Politiker mit seinen Begleitern in einer ruhigen Ecke. Ab und zu schaute man müde auf die neue Anzeigentafel. Irgendwann ging es endlich an Bord. Nicht wenige Menschen stolperten ohne Würde hinein. Und als sie saßen, war kein Frieden. Vielmehr begann ein Stellungskrieg um Stauraum fürs Handgepäck, Rückenlehnen und Beinfreiheit. Dann schlenderte Gregor Gysi nebst Entourage in aller Seelenruhe an Bord. Sie kamen als letzte und machten es sich in eine der hinteren Reihen bequem. Fazit: Ob Ein- oder Ausstieg. Wahrer Luxus ist es, letzter zu sein.

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