Aviator
Schreibe einen Kommentar

Weniger fliegen, mehr sehen

Statt sich in Flugscham zu wälzen, gibt es einen positiveren Ansatz weniger zu fliegen: Es geht um die schönere Reiseerfahrung.

Es gab eine Zeit, da wurde eine Umweltverschmutzung dem Verursacher angelastet. Dem Produzenten industrieller Emissionen wurden Filteranlagen aufgezwungen. In der Ära des Liberalismus, in der jeder angeblich allein verantwortlich ist für Sieg oder Niederlage, kehrt sich auch die Logik der Konsumverantwortung um: Schuld ist immer der Verbraucher. Nicht die Fluggesellschaft soll sich ihrer CO2-Verschmutzung schämen, sondern der Passagier. Dabei bleibt es ein viel zu schnell abgetaner Fakt, dass die freie Wahl des Verkehrsmittels – inklusive einer zumindest fragwürdigen Ablasszahlung für den CO2-Ausstoß – ein ausreichendes Budget voraussetzt. Wer darüber nicht verfügt, ist nicht etwa arm, sondern hat es nur noch nicht verstanden. Er gehört belehrt und erzogen. 

Den gesellschaftlichen Wandel per Ordnungspolitik, die Einrede individueller Flugscham und ein moralisches Verurteilen anderer Reisender von der hohen Warte des finanziell Privilegierten aus, offenbart einen autoritären Geist, der strikt an den Konsumenten und viel zu selten an den Verursacher appelliert. Wenig erstaunlich, dass die negative Motivation bisher kaum ankommt, automatisch Trotzreaktionen hervorruft oder sogar Wasser auf den Mühlen so genannter Klimawandelleugner ist.

Dabei gibt es andere gute Gründe, wann immer es machbar ist, auf das Flugzeug zu verzichten. Dieser Ansatz ist positiver. Es geht um die Verbesserung der Reisequalität. Zu den großen Erfahrungen des Reisens gehört das Erlebnis des Wandels: Eine flache Landschaft wird hügeliger, Vorläufer eines Gebirges tauchen auf, dann kommen die Berge, vielleicht dahinter, irgendwann das Meer. Entsprechend ändert sich das Klima, der Charakter der Wälder und Siedlungen. Die Zeit dehnt sich und man darf sich seine Gedanken dazu machen. Eine Flugreise schneidet größtenteils von diesen Sinnes- und Denkerfahrungen ab.

Mit etwas Glück zeigt der winzige Ausschnitt einer Luke die Landschaft. Meist bleibt die zugegeben paradiesische Sicht des Wolkenflugs, die aber überall ziemlich gleich aussieht. Die Übergänge von Landschaft und Klima fehlen. Das Ruhebedürfnis, um eigenen Gedanken nachzuhängen, traut einem auch niemand zu: Andauernd wird die innere Erfahrung mit Durchsagen, Catering aus der Convenience-Abteilung, Parfum-Angeboten oder audiovisuellem Entertainment unterbunden. Das natürliche Zeitgefühl, unsere innere Uhr, hält auch nicht mit: Am Ende des Flugs verstehen wir rational, dass wir an diesem oder jenem Ort angekommen sind. Aber wirklich begriffen haben wir es nicht, weil uns die Übergänge fehlen. Eine Flugreise gerät so zur amnestischen Reiseerfahrung.

Man könnte lange fortfahren: die Unmöglichkeit einer eigenen Bewegung. Betriebswirte teilen die Kabine auf möglichst viele Passagiere auf. Hinzu kommt das Davor und Danach: die sterile Einheitlichkeit der Flughäfen mit ihrer beschränkten Konsumwelt und ihren in die Privatsphäre eingreifenden Sicherheitsvorschriften. All das macht das Flugzeug zu einem der unattraktivsten Reisemittel. Für den Aviator bleibt es aus diesen Gründen immer die letzte Wahl.

Wenn es eine Flugreise sein muss, hilft ein bisschen anders fliegen als gedacht die Reiseerfahrung und zumindest das menschliche Klima zu verbessern. Das kann in der Korrektur der weit verbreiteten, aber irrigen Annahme bestehen, auch im Flieger immer der erste zu sein, wäre die cleverste und beste Idee. Warum es besser ist, als letzter einzusteigen, kann man hier nachlesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.