Flaneur
Schreibe einen Kommentar

Manchester liegt am Meer

Die See liegt mehr als 60 Kilometer entfernt. Aber das zählt nicht. Manchester ist eine Stadt am Meer. Nachdem Queen Victoria den Ship Canal eröffnete, wurde sie einmal zur drittgrößten Hafenstadt Englands. Die Wolken hängen schon am Bahnhof tief. Und wer hindurchspaziert, sieht die Straßenenden versinken. Dahinter liegt das Wasser, ein dunkler Kanal oder das Ende der Welt. Manchester ist eine Vorstadt mit Vorstadtläden und Vorstadtbewohnern, die hier irgendwie abhängen. Die Fassaden sind nicht alle renoviert, viele graue, schwarze  Wände, selbst im Hotel hängen dunkle Vorhänge. Die gedeckten Farben haben eine Funktion: Sie bilden einen perfekten Hintergrund. Davor tauchen plötzlich junge Mädchen auf, in lackroten Gummistiefeln, Hotpants und durchsichtigen Capes. Seit den Sixties springen sie lachend ins Bild. Dazu spielen die Läden Abba. Jeden Tag immer wieder Abba. Denn Manchester ist eine Zeitreise. Mit Plattenläden wie Vinyl Exchange, Picadilly Records oder dem Empire Exchange, der einen mit trashigen Erinnerungen versorgt, wie übergangslos auf dem Picadilly die Shops, aufgefüllt mit jedem erdenklichen Englandkitsch.

Die Pubs sind bereits am Samstagvormittag voll. Von dünnen Langhaarigen oder Stiernackigen mit kahlem Schädel bevölkert. Sie stehen Bier trinkend am Tresen oder paffen vor dem Eingang. Der Weg zum Gay-Viertel ist ausgeschildert. Dort spielt man erst recht Abba. Das Viertel endet passenderweise auf der Princes Street. Abends platzt der Millstone Inn in der Thomas Street aus allen Nähten. Durchs offene Fenster kann man hineinschauen: Dort gibt ein Mitsechziger den jungen Robbie Williams und singt: I know that life won’t break me, When I come to call, She won’t forsake me, I’m loving angels instead. Doch auf dem Picadilly begegnet man jungen Obdachlosen und Drogensüchtige in grauen Jogginghosen. Und in den winzigen Gassen von Chinatown oder dem Northern Quarter mit seinen Feuerleitern, Klimaanlagen und Straßenmüll möchte man gleich einen düsteren Film drehen. Wegen den Feuerleitern vor Backsteinmauern könnte der auch in New York spielen.

Rechtzeitig rücken die Nackten an. Sie kommen auf ihren Fahrrädern. Erst ist es einer, dann sind es zwei, dann werden es immer mehr: Einhundertfünfzig nackte Radfahrer, die den World Naked Bike Ride Day begehen. Ihre Fahrräder, Kopfbedeckungen und Schuhe leuchten vor roten Backsteinmauern. Sie fahren mitten durch den Regen. Und vom dampfenden Kopfsteinpflaster steigt Meeresgeruch auf. Manchester ist eine Stadt am Meer. Was in Manchester sonst los ist, verrät eine engagierte Multi-Media-Plattform, die als Reaktion auf die Unruhen entstand, die 2011 von London ausgehend auch auf Manchester übergriffen.

Info:

I Love MCR





Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.