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Islands Westfjorde entdecken

Sehen was alle sehen? Wer sich Reiseführern und Tipps verweigert, kann die Landschaft mit eigenen Augen entdecken. Das Ziel dient nur als Vorwand für den Reiseweg. Beispiel: Die Westfjorde auf Island – mit dem Fahrrad.

Manchmal muss man sich taub stellen. Nur so widerstanden wir auf einer Islandreise den besten Tipps, den Erfahrungen der vor uns gereisten, der Reiseführer und den Fantasien der Zuhausegebliebenen. Noch per Telefon diktierten sie: „Wenn ihr nach Island fahrt, müsst ihr Geysire sehen, sonst seid ihr nicht dagewesen!“ Wir waren anderer Meinung. Selbst wenn wir ein gestecktes Ziel einmal nicht erreichten, tat das der Reiseerfahrung keinen Abbruch. Im Gegenteil. Die Fotos entstanden einer Fahrradtour von Bildudalur nach Selárdalur.

In Selárdalur, ein einsamer Ort auf den Westfjorden, wurde Samúel Jónsson vom Landwirt zum Künstler, der plötzlich naive Plastiken schuf. Als Jónsson später museumstauglich wurde, wandelte sich sein zurückgezogener Arbeitsort in ein Ziel für Kulturtouristen. Die schlechte Straße dorthin verhindert, dass sich Besucher gegenseitig auf die Füße treten. Stattdessen finden wir: Eine Küste in Nebel eingehüllt und alle hundert Meter, spätestens nach jedem umrundeten Fjord ein Wechsel. Jeder Zipfel Landschaft ist anders. Stets fließt Wasser, tropft es aus dem Fels oder rauscht unsichtbar darunter. Je länger wir das Gestein betrachten, desto deutlicher erkennen wir sein wahres Wesen: In den Einbuchtungen Augen und Münder, Gesichter von Trollen, Fischen und Mischwesen, was sonst. Darüber schattige Höhlen, in denen wer weiß was haust. Links Süßwassertropfen, rechts salzige Wellenschläge. Über dem Meer auf der anderen Seite der schwarze Fjord, dahinter Bergspitzen wie Alpenvorläufer.

Plötzlich ein Sandstrand, so gelb, dass er Lust auf ein Omelette macht. Er sieht so tropisch aus, dass sicher gleich irgendein Columbus an Land stapfen wird. Wir ziehen die Wanderstiefel aus. Der Sand ist warm. Aber das Wasser eiskalt. Von hier aus blicken wir auf eine weitere Einbuchtung. Dort liegt ein halbrunder Theaterberg. Oder ein peruanisches Heiligtum. Manchmal bricht sogar die Sonne merkwürdig kugelrund durch einen diesigen Himmel. Und wenn sie in diesem oder jenem Winkel das Heiligtum beleuchtet, öffnet sich die Pforte zu einem Schatz.

In der Einbuchtung die Brücke, dahinter ein Farmgebäude aus Wellblech. Dort halten sie Schafe, die den Sommer über in der ganzen Gegend herumstrolchen und Gras fressen mit ihren kleinen Lämmern. Manchmal verirren sie sich in die Berge, so hoch, dass sie im September, wenn man alle Schafe für ihr Winterquartier eintreibt, von Bergsteigern heruntergeholt werden. Inzwischen lebt der Hof davon, den Bach zu stauen und die erzeugte Elektrizität an ein Stromunternehmen zu verkaufen. Es ist Frühling, die Vögel brüten noch oder haben bereits Junge. Das bedeutet, wir stören hier. Die Seeschwalben umkreisen uns enger, kreischen und planen ihre Angriffe. Wir ziehen Kapuzen über und flüchten auf unseren Rädern.

Als der Nebel so dicht wird, dass ich Steine nicht mehr von Hütten unterscheiden kann, löst sich auch unser Reiseziel auf. Gleichzeitig ist das der Punkt, an dem ich den Mann verstehe, der in dieser Gegend zum Künstler wurde, dessen Wohnort der Grund war, loszuziehen: Wo sonst, wenn nicht hier, fängst du an, den Dingen eine andere Gestalt zu geben? Vielleicht ist das auch nur der Augenblick, in dem ich mir eine Geschichte erfinde, die mir plausibel erscheint. Das ist immerhin eine Art zu verstehen. Genau am Punkt der Erkenntnis, wenige Kilometer vor dem geografischen Ziel, müssen wir umkehren, aus Zeitgründen. Ich bin mir ganz sicher, viele andere werden diese Reise beenden. Wer Interesse an einen Besuch von Samúel Jónssons Haus und Museum hat, die Fakten dazu gibt es hier zu lesen.

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