Pedaleur
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Im Land der Radfahrer

Zu meiner Beruhigung fliege ich, was vor mir liegt, von Zuhause aus ein paar Mal mit dem Satelliten an. Noch sitze ich gemütlich auf der Couch und die flämischen Ardennen liegen platt auf dem Bildschirm, gleich neben einer Tasse Tee. Was soll an diesem Gelände schwer sein? Aber das ist die Perspektive eines Vogels. Dann steige ich in ein Flugzeug. Es gehört zu den Nachteilen einer Flugreise, dass man blitzschnell vor Ort ist. Übergänge gibt es nicht mehr. Rituale dienen nur noch der Sicherheit. Und so werde ich ohne Atempause vom Couch-Potato zum Radsportler. Auf einmal besitzt die platte Landschaft der Ardennen eine dritte Dimension, Schrägen und Wände. Hoch oben über meinem Kopf zum Beispiel sitzen wahre Reise-Topics: Oude Kwaremont, Paterberg und Koppenberg. Der Höhe nach handelt es sich um lächerliche Hügel, der Steigung nach nicht. Zumindest nicht für einen untrainierten Städter. Über regennasse und glitschige Pflastersteine geht´s hinauf. „Am Koppenberg“, versichert der Guide, „steigen auch die Profis ab.“ Bei 22 Prozent Steigung folge ich stolz ihren Spuren. Dabei betrüge ich längst mit einem Mountainbike. Aber ein gemeinsames Siegerfoto gehört zum Zwang einer Gruppenreise. Traue nie einem Foto.

Auf der Tour wandelt sich mein Verhältnis zu Witterung und Raum. Von nun an gehören die an Comics erinnernden Regenstriche zur Landschaft. Aus dem Augenwinkel grenzen die Wolken an den Rücken brauner Kühe. Ihre Hufe verschwinden im hohen Gras verschachtelter Märchenwiesen. Ich glaube, eine Witterung, in der dir der Wind tagaus tagein gegen den Kamm fegt, muss zwangsläufig ein struppig-verwegenes Radsportvolk ausbrüten. Außerhalb meiner Idee ist an diesem Freitagnachmittag niemand Verwegener unterwegs. Drei farbig gekennzeichnete Routen mit 78, 103 und 114 Kilometern weist das Fahrradnetz Flämische Ardennen aus. Die kürzeste ist nicht die leichteste, siehe mein Scheitern am Koppenberg. Die kleinen Wege ziehen mitten durchs Land. Wer will, kann sich mit den Großen der Flandern-Rundfahrt per Chip messen. Das Streckemachen auf den Landstraßen ist nicht ungefährlich. Und doch gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ein Autofahrer, der dir entgegensaust, die Straße schon mal selbst mit dem Rennrad abgefahren ist. Denn in den Dörfern, durch die ich komme, steht in jedem Vorgarten eine sportliche Maschine. Fragt man nach dem Fahrstil der Leute hier, überlegt niemand lange: Competitive!

Wie sehr Radfahrer diese Gegend prägen, zeigt ein ruhiger Spaziergang der Schelde entlang bis zum Ort Kluisbergen. Am nächsten Morgen, wenn alle Rennfahrer schlafen, leuchtet im Ort die Sonne die Hauswände wie Kamine aus. In der Luft liegt ein appetitlicher Duft nach Ziege und Bäckerei. Kein Mensch. Nur ein paar Lieferwagen, Routenschilder und legendäre Ortsnamen. Unzählige Schilder weisen und warnen oder bitten um Rücksichtnahme. Mir sagen sie alle dasselbe: Du bist im Land der Radfahrer angekommen. Praktische Hinweise zur Pflege des Radkults gibt es auf dieser Website.

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