Flaneur
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El Cabanyal

Spaziergang durch das alte Hafenviertel Cabanyal in Valencia, Spanien. Die Bewohner wehren sich seit Jahren gegen Zerstörung und Gentrifizierung.

Es könnte ein Traum sein: Eine Straßenbahn, die zum Meer führt. Ich steige an der Station Via Zaragoza hinzu. Die Tram bahnt sich ihren Weg durch moderner Universitätsarchitektur und Kastensiedlungen, streift leuchtende Pomeranzen. Nur ein paar Haltestellen weiter springe ich raus, laufe ein Stück und zwischen zwei Häuserfronten öffnet sich das Meer. Zuerst setze ich mich in das Casa Zaragoza, auf einen Café con leche. Das ist keine große Sache: ein Strand außerhalb der Saison und ein paar verwaiste Fischrestaurants. Auch heute nicht, am Heiligabend. Doch wo ich herkomme, liegt der Himmel schwer vor den Fenstern. In Valencia breitet sich das Licht über meinem Gesicht aus. Wo gar nichts Besonderes ist, finde ich, wovon manch Reisender mitten in Spanien träumt: nicht seinesgleichen zu begegnen. Auch wenn der ja immer auch ein Spiegel sein soll. Aber so kann ich in aller Ruhe eigenen Gedanken nachhängen.

Ich erspare euch die Gedanken, bezahle meinen Kaffee und halte mich südlich, wo die eigentliche Attraktion lauert. Das einstige Hafenviertel El Cabanyal. Dort spaziere ich wie ein Kartograf durch jede winzige Straße. Und während ich spaziere, stolpert auch ein verrückter Flamencosänger durchs Viertel, den ein paar Jugendliche nachäffen. Der Sänger und sein Chor. Mal findet die spontane Aufführung hinter mir, mal in einer Nebenstraße vor mir statt. Sehen kann ich niemanden. Der andalusische Flamenco ist in Valencia so fremd wie ich. Zu seinem zerrissenen Gesang – hinaus? oder zurück? – frage ich mich: Wer wohnt in dem Haus mit der schwarzen Tür und der schwarzen Katze? Warum zeigt Los Payasos, das Haus der Clowns, Totenköpfe, als wäre ich irgendwo in Mexico? Welches Theater führen die Marionetten auf hinter dem blau gefliesten Gebäude? Im Mittagsglast durch eine spanische Geisterstadt zu schlendern ist natürlich kein Problem. Aber hinter dem Morbiden liegt eine Geschichte.

Es war der Traum der Stadtregierung Ende der 1990er Jahre, die Avenida de Blasco Ibáñez, den großen Boulevard der Stadt, bis zum Meer zu verlängern. Dafür nahm man die Zerstörung des ehemaligen Fischerdorfs in Kauf. Die Stadt erwarb Häuser, nur um sie abzureißen. Bisher ging der Plan nicht auf. In der jahrzehntelangen Zeitspanne der Ungewissheit sieht jeder Spaziergänger, was noch nicht verloren ging. Über die Häuser El Cabanyals wird gesagt, die einfachen Leute des 20. Jahrhunderts hätten den Baustil wohlhabender Bürger auf naive Weise interpretiert. Der spanische Modernisme mischt arabische und spanische Dekorationselemente. Dazu gehören kombinierte Stuck- und Kachelfliesen oder Kreuzpunktfassaden. Statt sich um Normen zu scheren, setzte man selbstsicher auf Fantasie und eigenes Handwerk.

Die alten Farben an Hauswänden und Gartenmauern fließen über in neue Graffiti- und Streetart-Kunst. Die ganze Collage wiederholt die Geschichte von Eigenständigkeit. Auch historisch haben wir es in Valencia mit Republikanern zu tun, die es dem Franco-Regime nicht leicht machten. Stehe ich vor dem braunen Anstrich einer Hauswand, blicke ich direkt in die Wunde des Viertels: Die Farbe weist den zerstörerischen Weg für die geplante Schneise der Avenida de Blasco Ibáñez, gegen die sich die Bewohner seit Jahrzehnten wehren. Infolge der Immobilienkrise von 2008 muss der Stadt das Geld zum Zerstören ausgegangen sein. Und weil ein Teil der betroffenen Häuser längst denkmalgeschützt ist, griff 2010 schließlich das Kulturministerium in Madrid ein. In jüngster Zeit ist sogar von Geldern für eine Restauration des Viertels die Rede. Unweigerlich gefolgt von einer Gentrifizierungsdebatte. Es bleibt kompliziert. Daher kann es sich lohnen, eine geführte Tour durch Cabanyal zu buchen.

Ich halte nichts von der Vorstellung, dass Individualreisende überall in offene Arme und freundliche Gesichter rennen müssen. Der neugierige Mann mit der Kamera nervt. Roma-Familien, die noch in El Cabanyal leben und wohnen, wenn ich längst in einem Flugzeug sitzen werde, um über den Wolken eine Geschichte von da unten zu schreiben, starren mich zurecht befremdet an. Ich löse mich von dem magischen Viertel und steige wieder in meine Traumtram.

Führung durch El Cabanyal

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