Alle Artikel in: Flaneur

Manchester liegt am Meer

Die See liegt mehr als 60 Kilometer entfernt. Aber das zählt nicht. Manchester ist eine Stadt am Meer. Nachdem Queen Victoria den Ship Canal eröffnete, wurde sie einmal zur drittgrößten Hafenstadt Englands. Die Wolken hängen schon am Bahnhof tief. Und wer hindurchspaziert, sieht die Straßenenden versinken. Dahinter liegt das Wasser, ein dunkler Kanal oder das Ende der Welt. Manchester ist eine Vorstadt mit Vorstadtläden und Vorstadtbewohnern, die hier irgendwie abhängen. Die Fassaden sind nicht alle renoviert, viele graue, schwarze  Wände, selbst im Hotel hängen dunkle Vorhänge. Die gedeckten Farben haben eine Funktion: Sie bilden einen perfekten Hintergrund. Davor tauchen plötzlich junge Mädchen auf, in lackroten Gummistiefeln, Hotpants und durchsichtigen Capes. Seit den Sixties springen sie lachend ins Bild. Dazu spielen die Läden Abba. Jeden Tag immer wieder Abba. Denn Manchester ist eine Zeitreise. Mit Plattenläden wie Vinyl Exchange, Picadilly Records oder dem Empire Exchange, der einen mit trashigen Erinnerungen versorgt, wie übergangslos auf dem Picadilly die Shops, aufgefüllt mit jedem erdenklichen Englandkitsch. Die Pubs sind bereits am Samstagvormittag voll. Von dünnen Langhaarigen oder Stiernackigen mit …

Die Sonntagsinsel Viðey

Wer vom neuen Hafen in Reykjavik aus die Fähre zur Insel Viðey nimmt, der kann vom Land träumen. Die Insel entstand vor zwei Millionen Jahren aus einem Vulkan. Gegen Ende der letzten Eiszeit stieg der Meeresspiegel und der Vulkan verschwand. Vor zehntausend Jahren sank das Meer und die Insel tauchte auf. Heute dürfte sie so etwas wie eine Sonntagsausflugsinsel für Hauptstädter sein. Ganz unspektakulär für Touristen, die vom eben noch besten zum gleich noch viel besseren Hotspot traben müssen. Davon ausgenommen, die melancholische Gegenwart hier, wie immer vor der Haustür gelegen. Sie beweist sich schon in der ersten Begegnung: Eine Herde Islandpferde steht unbeweglich wie in Trance, mit offenen Augen schlafend. Klimatisch ist die Sonntagsinsel eine Miniatur Islands: Die Wetterräume liegen so eng beieinander, dass sich auf Schritt und Tritt die Temperatur, der Charakter des Windes, die Farbe des Lichtes wandeln: Die Sonne scheint nicht mehr, die Wolken hängen tief, sind schwarz oder silbern, Nebel quillt auf, oder Sprühregen fällt auf ein paar Meter. Feucht ist es fast immer und doch scheint unerwartet die Sonne …

Schneesturm auf Usedom

Abgeschnitten von der Außenwelt: Wie geht man damit um? Das Feature setzt auf die Fantasie des Reisenden: Sein Autor erzählt, wie man sich an einer Geschichte wärmt, während man selbst eine erlebt. Von der Kapitulation der Wahrheit vor dem Kitsch – selbst bei Katastrophenalarm. Oder wie man gefühlt zum Flüchtling wird. Und es geht um einen bekannten Grund, eine Reise anzutreten: Um das Nachhausekommen. Im Winter hatten wir eine dieser Villen in Bansin bezogen. Unweit davon tobte das Meer. Auf den Wellen trieben Eisschollen. Ein Schneegestöber sorgte dafür, dass keine Züge mehr fuhren. Die Insel war bald von der Außenwelt abgeschnitten. Als die wenigen verbliebenen, mussten wir durch einen Schneesturm traben. Heute, am Samstag, brechen wir in Schneegriesel auf. Es ist windstill, die Ostsee dagegen tost wie nie in meiner Erinnerung. Ich reibe meine Augenlider, schaue weg, schaue, wieder hin: Hier bleibt es windstill, auf dem Meer tobt der Sturm. Seit Wochen hat es geschneit, haben sich Dünen in elegant hingelegte Schneekörper verwandelt. Während wir spazieren, wird das Meer unverfälschter, kommt näher, eine Sturmwelle bricht gegen die …

El Cabanyal

Spaziergang durch das alte Hafenviertel Cabanyal in Valencia, Spanien. Die Bewohner wehren sich seit Jahren gegen Zerstörung und Gentrifizierung. Es könnte ein Traum sein: Eine Straßenbahn, die zum Meer führt. Ich steige an der Station Via Zaragoza hinzu. Die Tram bahnt sich ihren Weg durch moderner Universitätsarchitektur und Kastensiedlungen, streift leuchtende Pomeranzen. Nur ein paar Haltestellen weiter springe ich raus, laufe ein Stück und zwischen zwei Häuserfronten öffnet sich das Meer. Zuerst setze ich mich in das Casa Zaragoza, auf einen Café con leche. Das ist keine große Sache: ein Strand außerhalb der Saison und ein paar verwaiste Fischrestaurants. Auch heute nicht, am Heiligabend. Doch wo ich herkomme, liegt der Himmel schwer vor den Fenstern. In Valencia breitet sich das Licht über meinem Gesicht aus. Wo gar nichts Besonderes ist, finde ich, wovon manch Reisender mitten in Spanien träumt: nicht seinesgleichen zu begegnen. Auch wenn der ja immer auch ein Spiegel sein soll. Aber so kann ich in aller Ruhe eigenen Gedanken nachhängen. Ich erspare euch die Gedanken, bezahle meinen Kaffee und halte mich südlich, wo …

Im Café Hoppe steht die Zeit

Entschleunigung in Amsterdam? Im Café Hoppe am besten unter Woche. Um den Platz Spui gibt es viele Bücherläden und sogar einen Buchmarkt. Vormittags in der Wochenmitte überfallen keine reichen jungen Männer mit Bart und Hornbrille das Amsterdamer Café Hoppe. Rastlose Späher, um den letzten Fleck der Stadt zu gentrifizieren. Was nicht heißen soll, dass es sie nicht gibt. Nur haben sie gerade anderes zu tun. Oder es passt ihnen ästhetisch nicht, dass auf der Terrasse reifere Touristen und silberhaarigen Niederländer sitzen. Was noch schlimmer ist: Die Zeit steht still. Ziemlich genau seit 1670. Seither strömt das Gesöff über Leitungen aus den Wänden. Genever oder Kruiderbitter. Als wäre es ein Gemälde, das von der Ewigkeit erzählt. Auf dem Fußboden liegt feiner Sand und die einzige Musik kommt von brabbelnden Niederländern, der rauschenden Straßenbahn und den Glocken der Fahrräder vor der Tür. Den halben Tag verbringe ich auf der Terrasse. Das Café Hoppe ist ein perfekter Ort zum Lesen. Die Küche ist leider nicht gut, das nehme ich in Kauf für den Luxus von Zeitlosigkeit. Fortwährend wird …